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Ilka Schröder

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Krieg/Militär | Denkpause 10 | 11.12.00

Krieg, Grüne und Fischer

Mit den Erfahrungen aus dem Kosovo-Krieg begründen die mehrheitlich rot-grünen Regierungen der EU in den letzten Monaten den Aufbau einer EU-Interventionsarmee. Für ihr Vorhaben erhalten sie kaum öffentlichen Widerspruch: Eine fundierte Analyse des ersten Angriffskrieges der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 findet in den beteiligten EU-Staaten kaum statt. Unwissenheit ist dafür angesichts der Situation am Buchmarkt keine gute Ausrede mehr:
Wie ihre Titel schon vermuten lassen, schreiben Küntzel und Loquai in ihren bereits Anfang 2000 erschienen Werken vor allem über die Vorgeschichte des Krieges. »Das deutsche Interesse an Rambouillet dürfte mit dem amerikanischen nahezu identisch gewesen sein: den Krieg in Gang zu bringen und zwar unter Einschluß einer Zustimung der europäischen Öffentlichkeit« ist eine zentrale These Küntzels, für die er zahlreiche Belege selbst aus der konservativen Presse (u.a. IHT und FAZ) anführt. Sein Kapitel über historische deutsche Interessen auf dem Balkan macht deutlich, daß all diejenigen, die schon im Zweiten Weltkrieg Nazi-Deutschland unterstützt haben, jetzt wieder Verbündete Deutschlands sind. Als Gegner Deutschlands bleiben da nur »die Russen ganz gewiss, aber auch die Serben - diejenigen also, die den Nationalsozialismus am erbittertsten bekämpften«. Wer Küntzels erstes Kapitel über die Zeit von 1981 bis 1998 überwunden hat, wird bis zum Ende kaum noch eine Lesepause machen, bis der Realkrimi zu Ende ist.
Der ehemalige OSZE-Beobachter Loquai geht in seiner wissenschaftlichen Studie den Fragen nach, ob es wirklich keine Möglichkeiten für eine friedliche Lösung des Konfliktes gab, an wem eventuelle Friedenschancen scheiterten und welche Rolle Parteinahmen von außen spielten. Neben der historischen Entwicklung analysiert Loquai die Rolle verschiedener AktuerInnen, wie der NATO, der OSZE und des Deutschen Bundestages. Die »Verhandlungen« von Rambouillet schildert er ausführlich. Zu hinterfragen bleibt Loquais Sicht auf die USA als Hauptinteressenten am Krieg. Wie schon Küntzel sucht und findet auch Elsässer genug Hinweise auf die deutsche Kriegsschuld. Seine Recherchen in Wien, Belgrad und Brüssel ergeben eine neue Sicht auf die deutsche Begründung der Balkan-Kriege. Bei Parteitagsdelegierten und Abgeordneten, die leichtgläubig ihre Stimmkarte für den Angriffskrieg gehoben haben, werden diese unangenehmen Fakten in Elsässers Werk kein selbstzufriedenes Weihnachtsgefühl verursachen. Ein »Massaker« von Racak, verknüpft mit einem »Nie wieder Auschwitz« war der entscheidende Grund der Grünen für den Bombenkrieg. Nach Elsässers Recherchen in den einzelnen Autopsieprotokollen der 40 Leichen von Racak wurde nur ein Mensch aus nächster Nähe erschossen. Alle Protokolle tragen den Zusatz, daß die Todesursachen nicht kategorisiert werden können. »Alternativen: krimineller Totschlag, Krieg oder unbestimmt«.
Ditfurth stellt dar, wie die teilweise von Mitgliedern der Friedensbewegung gegründeten Grünen zu »Flakhelfern einer inhumanen Weltordnung« geworden sind. Die flapsige Sprache (»Was immer Beckmann sich leistet, wie ein Fettauge schwimmt er stets oben.«) ist für die Wirkung des Gelesenen unnötig, 850 Quellenagaben sorgen für die nötige Glaubwürdigkeit des Inhalts. Das Buch von Jutta Ditfurth sollten sich gerade jüngere Parteimitglieder als Kontrastprogramm zu den bisherigen Standardwerken über die Geschichte der Grünen ins Regal stellen.
Joseph Fischers Weg von der Frankfurter Betriebsprojektgruppe/Revolutionärer Kampf bis in das Auswärtige Amt zeichnet Christian Y. Schmidt in einer kritischen Biographie nach. Die erste Auflage erschien kurz vor Politikwechsel und Kosovo-Krieg, doch ist die Entwicklung des Außenministeranwärters für die LeserInnen gut nachvollziehbar. Wer das Ganze weniger kritisch und aus der Feder eines Zeit-Reporters lesen möchte, nimmt das Werk von Michael Schwelien. Im Vergleich zu Schmidt bietet es aber - mit Ausnahme der Ereignisse des Kosovo-Krieges - kaum neue Fakten. Auch wenn Schmidt nicht als Quelle angegeben wird, fallen einige Parallelen sehr deutlich auf. An einer Stelle wird von Schwelien sogar ein kleiner Fehler aus Schmidts Werk wiederholt.
Einen Blick auf zukünftige militärische Entwicklungen der EU wagt das von Cremer und Lutz herausgegebene Buch. Sie bieten sogar mehr, als der Titel verspricht: Neben Beschaffungsprojekten der Bundeswehr wird auch ein Überblick über die EU-Militärplanungen und insbesondere über Raumfahrtsprogramme geboten.

Bücher zum Thema
Ulrich Cremer/Dieter S. Lutz (Hrsg.):
Die Bundswehr in der neuen Weltordnung. Hamburg (VSA) 2000. ISBN 3-87975-793-3

Jutta Ditfurth:
Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. München (Econ) 2000.
ISBN 3-548-75027-3

Jürgen Elsässer:
Kriegsverbrechen.
Die tödlichen Lügen der Bunderegierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt. Hamburg (KVV Konkret) 2000.
ISBN 3-930786-29-X

Matthias Küntzel:
Der Weg in den Krieg. Deutschland, die NATO und das Kosovo. Berlin (Elefanten Press) 2000. ISBN 3-88520-771-0

Heinz Loquai:
Der Kosovo-Konflikt - Wege in einen vermeidbaren Krieg. Baden-Baden (Nomos) 2000.
ISBN 3-7890-6681-8

Michael Schwelien:
Joschka Fischer: Eine Karriere. Hamburg (Hoffmann und Campe) 2000. ISBN 3-455-11330-3

Christian Y. Schmidt:
Wir sind die Wahnsinnigen. Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang. München (Econ) 1998. ISBN 3-612-26628-4

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